Zeilen- und Absatzumbrüche

Was in LaTeX einen Absatz erzeugt, ist eine Leerzeile. Doch eine Leerzeile ist nicht bloß so etwas wie ein Absatzumbruch: Trifft TeX’ Eingabeverarbeitung auf sie, fügt sie den Befehl \par selbst ein. Leerzeile und \par sind nicht ähnlich – sie sind dasselbe. Nach einem \let\par\relax bewirkt eine Leerzeile gar nichts mehr, was nur folgerichtig ist, sobald man weiß, welchen Befehl die Leerzeile eigentlich geworfen hat. Aus dieser einen Tatsache folgt alles Weitere: warum \\ keine Absätze trennen darf, wozu \parindent und \parskip dienen und warum ausgerechnet der erste Absatz nach einer Überschrift ohne Einzug bleibt.

Eine Leerzeile ist der Befehl \par

Ein Zeilenumbruch im Quelltext wird in der Ausgabe zu nichts weiter als einem Leerzeichen. Über drei Zeilen verteilte Sätze erscheinen als ein durchgehender Lauf, und wo tatsächlich umbrochen wird, entscheidet TeX. Trifft die Eingabeverarbeitung jedoch auf eine Zeile, die nur Leerraum enthält, sendet sie statt eines Leerzeichens \par. Daraus folgen zwei Dinge. Erstens: Zwei Leerzeilen oder fünf ändern nichts. Wenn das zweite \par eintrifft, befindet sich TeX bereits im vertikalen Modus, und dort tut \par überhaupt nichts – gestapelte Leerzeilen verschieben die Seite um exakt null. Zweitens: Leerzeile und \par sind austauschbar.

latex
These three lines are broken
in the source, but they come out
as a single paragraph.

The blank line above started a new one.
Extra blank lines add nothing.



Still just one paragraph break.

Wirklich nötig ist ein ausgeschriebenes \par dort, wo keine Leerzeile erlaubt ist. In der Definition eigener Befehle und innerhalb von Argumenten sind Leerzeilen meist verboten: Eine Leerzeile im Argument von \section{...} bricht den Lauf mit ! Paragraph ended before \@sect was complete. ab. Auch der Mathematikmodus verbietet sie und antwortet mit ! Missing $ inserted. Im gewöhnlichen Fließtext macht eine Reihe von \par den Quelltext dagegen nur schwerer lesbar; im Manuskript sind Leerzeilen die vernünftige Wahl.

Warum \\ keinen Absatz beendet

\\ sagt nur: „Beende hier die Zeile.“ Vom Absatz ist nie die Rede. Intern füllt es den Zeilenrest mit \hfil und erzwingt dort einen Umbruch; ein \par kommt darin nicht vor. Der Absatz läuft also einfach weiter. Nachgemessen ist der Unterschied deutlich: In article mit 10pt beginnt die erste Zeile eines neuen Absatzes 15pt innerhalb des linken Randes, die Zeile nach einem \\ dagegen genau am Rand – ohne Einzug. Auch der Absatzabstand \parskip fehlt. Damit ist der bekannte halbfertige Eindruck erklärt, bei dem der Text zwar umbricht, sich aber nicht wie ein Absatz liest.

Noch deutlicher ist der Beleg im Protokoll. Steht ein \\ am Ende der letzten Zeile eines Absatzes, warnt TeX: Underfull \hbox (badness 10000) in paragraph at lines 3--4. Der Grund: \\ befiehlt einen Umbruch, unmittelbar danach endet der Absatz, und eine Zeile ohne Inhalt bleibt übrig. Mit erhöhtem \showboxdepth sieht man hinein: Die Box lautet \hbox(0.0+0.0)x345.0 – Höhe null, Breite die volle Satzbreite. Umgekehrt liefert ein \\ an einer Stelle, an der noch gar keine Zeile begonnen hat (etwa ganz am Absatzanfang), ! LaTeX Error: There's no line here to end. Beide Symptome sagen dasselbe von zwei Seiten: \\ ist ein Werkzeug für Zeilen, nicht für Absätze.

Deshalb ist \\ keineswegs nutzlos. Mit einer Länge in eckigen Klammern fügt \\[2ex] nach dieser Zeile zusätzlichen vertikalen Abstand ein – negative Werte sind erlaubt – und ist das übliche Mittel, um Zeilen in Tabellen und abgesetzten Formeln zu öffnen. \\* verbietet an dieser Umbruchstelle einen Seitenumbruch und hält beide Zeilen zusammen. Im Absatzmodus verhält sich \newline genau wie \\. \linebreak fällt aus der Reihe: Es bricht an dieser Stelle und streckt die Zwischenräume, sodass die Zeile bis zum rechten Rand ausgeglichen wird – daher die auseinandergezogenen Wortabstände. \linebreak[n] (n von 0 bis 4) bestimmt die Dringlichkeit: 4 erzwingt den Umbruch, 1 ist ein zurückhaltendes „wenn es passt“. In Tabellen ist außerdem zu merken: \\ beendet die ganze Zeile, \newline bricht nur innerhalb einer Zelle.

latex
% wrong: the second block is still the same paragraph
First thought about the topic.\\
Second thought about the topic.

% right: a blank line ends the paragraph
First thought about the topic.

Second thought about the topic.

% \\ is for lines that belong together
\begin{tabular}{ll}
  Ada Lovelace & 1815 \\[2pt]
  Alan Turing  & 1912 \\
\end{tabular}

Die Vorgabewerte von \parindent und \parskip

Nur zwei Längen bestimmen das Aussehen eines Absatzes. \parindent ist die Breite des Erstzeileneinzugs, \parskip der vertikale Abstand zwischen Absätzen. In den Standardklassen beträgt \parindent einspaltig 15pt bei 10pt Grundschrift, 17pt bei 11pt, 1.5em (rund 17,6pt) bei 12pt und 1em im zweispaltigen Satz. \parskip steht dagegen auf 0pt plus 1pt: nicht null, sondern eine Gummilänge – null, die um bis zu 1pt gedehnt werden darf. Der aufsummierte Spielraum dieser einzelnen Punkte gibt TeX etwas Luft, um den Seitenfuß auszugleichen. Standard-LaTeX folgt damit der Buchtypografie, die Absatzgrenzen allein durch den Einzug markiert und den Abstand praktisch bei null belässt.

Für einen einzelnen Absatz lässt sich der Einzug mit \noindent und \indent umschalten. \noindent am Absatzanfang entfernt den Einzug, \indent erzwingt ihn (intern wird nur eine leere Box der Breite \parindent gesetzt). Mitten im Absatz wirkt keiner von beiden: Ob eingezogen wird, entscheidet sich in dem Augenblick, in dem die erste Zeile beginnt, und lässt sich danach nicht zurücknehmen. Der bei weitem häufigste Fall ist ein \noindent, wenn Text fortgesetzt wird, den ein Zitat oder eine Abbildung unterbrochen hat.

Warum nur der erste Absatz nach einer Überschrift ohne Einzug bleibt

Das ist kein Fehler, sondern eine bewusste Satzkonvention. Ein Einzug ist im Kern ein Trennsignal – „hier beginnt ein neuer Absatz“ – und bedeutet nur dann etwas, wenn ein anderer Absatz vorausgeht. Unmittelbar nach einer Überschrift gibt es keinen vorhergehenden Absatz, von dem zu trennen wäre; der Einzug träfe ins Leere. Ihn wegzulassen ist die überlieferte Übereinkunft. Die Messung bestätigt es: Nur der Absatz nach einem \section beginnt bündig am linken Rand, ab dem folgenden Absatz kehrt der Einzug von 15pt zurück.

Die Umsetzung ist das Reizvolle daran. LaTeX unterlässt den Einzug nicht. TeX setzt am Absatzanfang wie immer die leere Box der Breite \parindent, und anschließend führt LaTeX aus \everypar heraus {\setbox\z@\lastbox} aus und nimmt die eben gesetzte Box gleich wieder von der Liste. Welche Überschriften das tun, entscheidet das Vorzeichen des Arguments „Abstand vor der Überschrift“ im Gliederungsbefehl: Das Minus im -3.5ex von \section liest der Kernel als „den folgenden Absatz nicht einziehen“. Und das Paket indentfirst, das den Einzug zurückholt, besteht im Kern aus einer Zeile: \let\@afterindentfalse\@afterindenttrue. Indem es „falsch“ zum Alias von „wahr“ macht, wird der Schalter, der den Einzug abstellt, dauerhaft unbetätigbar.

latex
\usepackage{indentfirst}   % indent the first paragraph after a heading too
\setlength{\parindent}{2em} % a wider first-line indent

\section{A heading}
With indentfirst loaded, this paragraph is indented like the others.

Blockabsätze: warum das Paket parskip die richtige Wahl ist

Spezifikationen, interne Unterlagen und alles mit Web-Herkunft bevorzugen oft „Blockabsätze“: kein Erstzeileneinzug, dafür vertikaler Abstand zwischen den Absätzen. Das naive Rezept lautet, in der Präambel \parindent auf null zu setzen und \parskip Raum zu geben. Damit zieht man allerdings weit mehr mit als erwartet. Die Zeilen des Inhaltsverzeichnisses, die Abstände zwischen Listenpunkten, der Raum um Abbildungen – LaTeX verwendet \parskip an vielen Stellen als Grundgröße, sodass all das gleichzeitig auseinandergeht, nicht nur die Absätze im Fließtext.

Diese Arbeit übernimmt das Paket parskip, und \usepackage{parskip} ist bereits alles. Die mit TeX Live 2024 ausgelieferte Fassung (v2) setzt \parindent auf 0pt und \parskip auf .5\baselineskip plus 2pt und greift anschließend in die Definitionen für Überschriftenabstände, Inhaltsverzeichnis und Listen ein, sodass diese den hinzugekommenen \parskip wieder abziehen und bei ihren Entwurfswerten landen. All das von Hand nachzuziehen ist nicht praktikabel. Auch der verbliebene Dehnanteil plus 2pt ist Absicht: Er gibt TeX Spielraum für bessere Seitenumbrüche. Sollen Blockabsätze mit Einzug entstehen, hilft \usepackage[indent]{parskip}; für einen eigenen Abstand \usepackage[skip=10pt]{parskip}.

latex
% the naive version: also stretches the TOC, lists and float spacing
\setlength{\parindent}{0pt}
\setlength{\parskip}{\baselineskip}

% the maintained version: same look, without the collateral damage
\usepackage{parskip}
% \usepackage[indent]{parskip}     % keep the first-line indent
% \usepackage[skip=10pt]{parskip}  % choose the gap yourself

Absatzumbruch, Seitenumbruch und geschützte Abstände

Den Absatz zu wechseln und die Seite zu wechseln sind zwei verschiedene Vorgänge. \newpage beendet die laufende Seite und geht zur nächsten, trennt aber keinen Absatz. \clearpage geht weiter und gibt zuvor alle wartenden Gleitobjekte – Abbildungen und Tabellen – aus. Wer eines von beiden einsetzt, obwohl er nur einen neuen Absatz wollte, bekommt einen ungewollten Seitenumbruch und einen halbleeren Seitenfuß dazu. Für den umgekehrten Bedarf gibt es ebenfalls Mittel. Die Tilde ~ ist ein Abstand, der nicht umbricht, für Stellen, an denen beide Seiten in derselben Zeile bleiben müssen: Fig.~3, Dr.~Smith. \, ist ein schmaler Abstand, etwa zwischen Zahl und Einheit. Keines von beiden bricht Zeile oder Absatz; sie legen nur die Beschaffenheit eines Abstands fest – mit dieser Unterscheidung bleiben die vier Befehle auseinanderzuhalten.

Umgang mit Absätzen beim Schreiben

Da Zeilenumbrüche im Quelltext die Ausgabe nicht verändern, lassen sie sich vollständig für die Bearbeitbarkeit einsetzen. Verbreitete Konventionen sind ein Satz pro Zeile oder ein Umbruch an Teilsatzgrenzen. Kurze Zeilen machen Differenzen in der Versionsverwaltung lesbar, und Mitautoren sehen auf einen Blick, welcher Satz sich geändert hat. Leerzeilen bleiben den Stellen vorbehalten, an denen der Absatz tatsächlich wechselt. Sobald Quelltextumbrüche als Ersatz für Umbrüche auf der Seite dienen, bricht das Ganze beim ersten Wechsel von Schrift oder Rändern zusammen.

Kurz vor der Abgabe ist die Versuchung groß, Leerzeilen oder ein \vspace rein nach Augenmaß hinzuzufügen. In LaTeX ist ein Absatz jedoch Dokumentstruktur. Trägt ein Absatz zwei Aussagen? Gehört die Erläuterung einer Abbildung zum Absatz davor oder danach? Braucht es direkt nach einer Überschrift eine kurze Überleitung? Diese Entscheidungen kommen zuerst. Wer danach die Regel einhält – Leerzeilen markieren Absatzgrenzen, \\ dient nur einem visuellen Umbruch innerhalb eines Absatzes –, dessen Struktur übersteht beliebig viele Korrekturdurchgänge.

  • Fließtextabsätze — eine Leerzeile setzen, wenn die Aussage wechselt; niemals Leerzeilen der Optik wegen.
  • Titelblöcke, Adressen, Verse\\ nur dort, wo eine semantische Einheit mehrere Ausgabezeilen einnehmen soll.
  • Unzufrieden mit dem Absatzabstand — ihn dokumentweit mit dem Paket parskip festlegen, nicht mit lokalem \vspace.
  • Unzufrieden mit dem Einzug\parindent einmal in der Präambel setzen und indentfirst laden, wenn auch der Absatz nach einer Überschrift eingezogen sein soll.
  • Unzufrieden mit den Seitenumbrüchen — zu Umbruchsteuerung oder Gleitobjektplatzierung greifen, nicht zu Absatzbefehlen.