Wissenschaftliche Klassen

Wenn du eine Arbeit einreichst, sollst du oft nicht article verwenden, sondern einen ungewohnten Klassennamen wie IEEEtran, acmart, llncs, elsarticle oder revtex4-2. Das sind Dokumentklassen, die von der Fachgesellschaft oder dem Verlag selbst ausgeliefert werden: Die Klasse erzwingt die Regeln des Zielorts für Spaltenlayout, Ränder, Überschriften und sogar den Literaturstil. Diese Seite geht die wichtigsten Klassen durch, denen Forschende begegnen, jeweils mit Blick darauf, für wen sie gedacht sind, wo man sie bekommt und welche Eigenheiten ihre Befehle haben.

Das Muster: Der Zielort liefert eine Klasse

Bevor du jede Klasse einzeln lernst, hilft es, das gemeinsame Muster zu sehen. Der Zielort — Fachgesellschaft, Verlag oder Konferenz — verteilt ein Paket: eine Klassendatei (.cls), einen passenden Literaturstil (.bst) und eine auszufüllende Vorlage. Du lädst die Vorlage herunter und setzt dein Manuskript hinein. Das Layout übernimmt die Klasse, also entscheidest du nicht selbst über Zweispaltigkeit, Ränder oder Überschriften; meist ist das Ändern sogar verboten.

Hier zahlt sich LaTeXs Kernidee — logische Struktur und Erscheinungsbild zu trennen — praktisch aus. Schreibe im Textkörper nur Bedeutung (\section{...}, \cite{...}), und dasselbe Manuskript kann durch Klassenwechsel in den Stil einer anderen Gesellschaft gesetzt werden. Die wichtige Einschränkung: Klassenversionen ändern sich im Lauf der Zeit. Hole immer die aktuelle Vorlage aus dem Author Kit oder Author Center des Zielorts, statt eine alte lokale Kopie wiederzuverwenden. Ein Layoutbruch durch Versionsmismatch kurz vor der Frist ist ein häufiger Unfall.

Noch ein praktischer Hinweis: Diese Klassen sind normalerweise nicht in einer minimalen TeX-Installation enthalten. Eine vollständige TeX-Live- oder MiKTeX-Installation bringt IEEEtran, acmart, elsarticle, revtex und andere mit, aber in einer Minimalumgebung installierst du sie einzeln (z. B. tlmgr install IEEEtran) oder lädst die .cls vom Verlag herunter und legst sie neben dein Manuskript (llncs wird besonders oft lokal abgelegt). Sie liegen auch alle auf CTAN, daher ist die Installation über den Paketmanager der Distribution der zuverlässige Weg.

IEEEtran — IEEE-Zeitschriften und Konferenzen

IEEEtran ist die Klasse für Transactions, Zeitschriften und internationale Konferenzen der IEEE, der größten Organisation in Elektro-, Elektronik- und Informationstechnik. Kennzeichnend ist, dass du den Modus über eine Option in eckigen Klammern wählst, nicht über das Hauptargument: \documentclass[journal]{IEEEtran} ergibt ein zweispaltiges Journal-Layout, \documentclass[conference]{IEEEtran} das Layout für Tagungsbände. Dazu kommen technote für Kurzbeiträge und peerreview für Begutachtungsversionen; Schriftgröße und die Computer-Society-Option compsoc lassen sich kombinieren, etwa \documentclass[10pt,journal,compsoc]{IEEEtran}.

Zu den eigenen Konventionen gehört: Die Zusammenfassung steht in einer abstract-Umgebung, die Schlüsselwörter in der eigenen IEEEkeywords-Umgebung. Diese wird im Journal-Modus automatisch mit “Index Terms” und im Conference-Modus mit “Keywords” überschrieben. Für Literatur ist der BibTeX-Stil IEEEtran.bst Standard. Vorlagen verteilt der IEEE Template Selector (template-selector.ieee.org), der stets die aktuelle Version bereithält; hole sie zuerst dort.

latex
\documentclass[conference]{IEEEtran}
\begin{document}
\title{A Conference Paper}
\author{\IEEEauthorblockN{Ada Lovelace}
  \IEEEauthorblockA{Analytical Engine Lab\\ London, UK}}
\maketitle

\begin{abstract}
This is the abstract.
\end{abstract}

\begin{IEEEkeywords}
broadband networks, quality of service
\end{IEEEkeywords}

\section{Introduction}
IEEE recommends composing in the two-column format.
\end{document}

acmart — ACM-Zeitschriften und Proceedings

acmart ist die konsolidierte Klasse der ACM in der Informatik; sie ersetzt die ältere, zersplitterte Menge von Klassen pro Konferenz und Zeitschrift. Das Erscheinungsbild wählst du normalerweise über die Option format= (der Teil format= darf entfallen). Für Begutachtungseinreichungen nutzt man den Standard manuscript (einspaltig); die meisten Zeitschriften verwenden acmsmall; Proceedings sigconf; SIGPLAN-Zielorte sigplan. Man schreibt also zum Beispiel \documentclass[sigconf]{acmart} oder \documentclass[manuscript,review]{acmart}.

Als Faustregel zur Unterscheidung gilt: Formate, die mit acm beginnen, sind für Zeitschriften, Transactions und Lehrmaterial; Formate, die mit sig beginnen, für als Bücher veröffentlichte Proceedings. Bei Zeitschriften setzt du den Titel mit einer Kurzform, etwa \acmJournal{TOMS}. Zu den Konventionen gehört, CCS-Konzepte (ACM Computing Classification System) mit \begin{CCSXML}...\end{CCSXML} und \ccsdesc{...} zu deklarieren und \keywords{...} anzugeben; für reguläre Aufsätze ist das Pflicht. Literatur verwendet ACM-Reference-Format auf natbib-Basis und erzeugt den ACM-eigenen Zitierstil. Die SIGCHI-Formate sigchi/sigchi-a wurden 2020 eingestellt und sind heute in sigconf aufgegangen.

Intern lädt acmart amsart, daher stehen AMS-Theoremumgebungen und Ähnliches zur Verfügung. Achte auf einen Punkt: Die ACM-Vorlage setzt bestimmte Schriften wie libertine voraus, und die Kompilierung kann scheitern, wenn sie nicht installiert sind. Schriften zu ersetzen oder Ränder zu ändern ist nicht erlaubt.

latex
\documentclass[sigconf]{acmart}
\begin{document}
\title{A Proceedings Paper}
\author{Ada Lovelace}
\affiliation{\institution{Analytical Engine Lab}\city{London}\country{UK}}

\begin{abstract}
This is the abstract.
\end{abstract}

\ccsdesc[500]{Networks~Network reliability}
\keywords{broadband networks, quality of service}
\maketitle

\section{Introduction}
The \texttt{sigconf} format sets the ACM proceedings layout.
\end{document}

llncs — Springer LNCS

llncs ist die Klasse für Springers Proceedings-Reihe Lecture Notes in Computer Science (LNCS) und ihre Schwesterreihen LNAI (künstliche Intelligenz) und LNBI (Bioinformatik). Sehr viele internationale Konferenzen, die ihre Proceedings bei Springer veröffentlichen — ECCV, MICCAI und Hunderte weitere — verwenden dieses Layout. Du wählst sie direkt über den Klassennamen, \documentclass{llncs}, und erhältst ein einspaltiges Layout auf Basis von article.

Die Eigenheiten liegen bei Autoren und Zugehörigkeiten. Die Klasse ergänzt einen \institute-Befehl, den Standard-LaTeX nicht hat: Mit \inst{n} hängst du jedem Autor eine Zugehörigkeitsnummer an, etwa \author{Ivar Ekeland\inst{1} \and Roger Temam\inst{2}}, und listest die Zugehörigkeiten mit \institute{first affiliation \and second affiliation}. Die E-Mail-Adresse steht innerhalb von \institute als \email{...}. Die Zusammenfassung nutzt die abstract-Umgebung. Mehrere Zugehörigkeiten werden mit \and getrennt und automatisch nummeriert. Der aktuelle Standardstil für Literatur ist splncs04 (\bibliographystyle{splncs04}). Die Option runningheads ist für Bandherausgeber gedacht und bei einer Einzeleinreichung meist unnötig.

latex
\documentclass{llncs}
\begin{document}
\title{An LNCS Contribution}
\author{Ivar Ekeland\inst{1} \and Roger Temam\inst{2}}
\institute{Paris-Dauphine University, Paris, France\\
  \email{[email protected]}
  \and Sorbonne University, Paris, France\\
  \email{[email protected]}}
\maketitle

\begin{abstract}
The abstract follows the title block.
\end{abstract}

\section{Introduction}
llncs extends \texttt{article} with \texttt{\textbackslash institute}.
\end{document}

elsarticle — Elsevier-Zeitschriften

elsarticle ist die Klasse für Manuskripte, die bei Elsevier-Zeitschriften eingereicht werden. Du verwendest sie etwa als \documentclass[preprint,12pt]{elsarticle}; die Standardoptionen sind a4paper,10pt,oneside,onecolumn,preprint. preprint erzeugt die großzügige einspaltige Preprint-Form für Einreichungen, während das endgültige zweispaltige Journal-Layout vom Verlag gesetzt wird (mit review erhältst du eine weit gesetzte Begutachtungsversion, mit final etwas näher am Druckbild). Alle Optionen von article bleiben verfügbar.

Die Konventionen bündeln sich in der frontmatter-Umgebung. Titel \title{...}, Autoren \author{...} und Zugehörigkeiten \affiliation{...} stehen darin; die Zusammenfassung nutzt eine abstract-Umgebung, Schlüsselwörter eine keyword-Umgebung. Es gibt zwei Arten, Autoren mit Zugehörigkeiten zu verbinden: entweder mit Fußnotenmarken pro Autor oder durch Gruppieren der Autoren derselben Zugehörigkeit mit nachfolgender Affiliation. Für Literatur wählst du den numerischen Stil elsarticle-num, den Autor-Jahr-Stil elsarticle-harv oder das natbib-erweiterte elsarticle-num-names. Die Klasse wird aktiv aktualisiert; beim Stand Juni 2026 ist die CTAN-Version 3.5 (2026-01-09). Prüfe vor der Einreichung immer die aktuelle Version auf der Autorenseite der Zeitschrift.

latex
\documentclass[preprint,12pt]{elsarticle}
\begin{document}
\begin{frontmatter}
\title{An Elsevier Manuscript}
\author{Ada Lovelace}
\affiliation{organization={Analytical Engine Lab},
  city={London}, country={UK}}

\begin{abstract}
The abstract lives inside the front matter.
\end{abstract}

\begin{keyword}
broadband networks \sep quality of service
\end{keyword}
\end{frontmatter}

\section{Introduction}
\bibliographystyle{elsarticle-num}
\end{document}

REVTeX — Physik (APS / AIP)

REVTeX ist die Klasse für die Zeitschriften der APS (American Physical Society) und des AIP (American Institute of Physics); die aktuelle Ausgabe ist revtex4-2 (der Klassenname trägt die Version selbst). Sie wird von großen Physikzeitschriften wie Physical Review Letters (PRL) und Physical Review B (PRD/PRB) verwendet. Den Verlag wählst du mit der Option aps / aip, und du kannst auch die Zeitschrift direkt nennen: \documentclass[prl,aps]{revtex4-2} ergibt das PRL-Layout, \documentclass[prb,aps]{revtex4-2} das PRB-Layout (es gibt viele Zeitschriftenoptionen wie prx, prfluids und mehr).

Zu den Konventionen gehört, dass Autoren und Zugehörigkeiten durch ein \affiliation{...} direkt nach jedem \author{...} angegeben werden; aufeinanderfolgende Autoren mit derselben Zugehörigkeit werden automatisch zusammengefasst und erhalten hochgestellte Zugehörigkeitsnummern. Die Option reprint liefert eine zweispaltige Vorschau nahe am Druckbild, und es gibt viele Layoutoptionen wie twocolumn, preprint und superscriptaddress. REVTeX benötigt natbib und setzt Literatur mit Stilen wie apsrev4-2 (numerisch). Vorlagen gibt es auf der APS-REVTeX-Seite und auf CTAN als revtex.

latex
\documentclass[prl,aps,reprint]{revtex4-2}
\begin{document}
\title{A Physical Review Letter}
\author{Ada Lovelace}
\affiliation{Analytical Engine Lab, London, UK}
\author{Charles Babbage}
\affiliation{Analytical Engine Lab, London, UK}

\begin{abstract}
The abstract precedes \textbackslash maketitle output here.
\end{abstract}
\maketitle

\section{Introduction}
Each \texttt{\textbackslash author} is followed by its \texttt{\textbackslash affiliation}.
\end{document}

Auf einen Blick verglichen

Stellt man die wichtigsten Klassen nach Zielort und dem merkenswerten Punkt nebeneinander, ergibt sich Folgendes. Alle teilen eine Voraussetzung: Jede ist für ihren Zielort spezifisch, keine allgemeine Klasse, deren Layout du frei umbaust.

KlasseZielort / FeldWichtig
IEEEtranIEEE (EE/CS-Zeitschriften und Konferenzen)Modus über Klammern (journal / conference / technote); IEEEkeywords-Umgebung
acmartACM (CS-Zeitschriften und Proceedings)Auswahl über format=; acm* = Zeitschriften, sig* = Proceedings; CCS-Konzepte Pflicht
llncsSpringer LNCS (CS-Proceedings)Auswahl per Klassenname; \institute / \inst / \email; bib ist splncs04
elsarticleElsevier (seine Zeitschriften)\affiliation in frontmatter; bib ist elsarticle-num / -harv
revtex4-2APS / AIP (Physik: PRL, PRB usw.)Zeitschriftenoptionen (prl / prb…); \affiliation direkt nach \author; benötigt natbib

Dies sind nur repräsentative Beispiele. Springer hat auch die neuere konsolidierte Klasse sn-jnl, in der Mathematik gibt es AMS amsart, und zahllose weitere Klassen und Vorlagen existieren je nach Gesellschaft und Universität. Das Vorgehen ist immer gleich: Beginne beim Author Kit des Zielorts und hole aktuelle Vorlage, Klasse und Literaturstil als zusammengehöriges Set.

Praktische Hinweise

  • Hole die ganze Vorlage, nicht nur die Klasse. Am schnellsten ist es, das Paket des Zielorts herunterzuladen — ausgefülltes Grundgerüst (.tex), .bst und Beispielabbildungen/-tabellen — statt nur die Klassendatei.
  • Prüfe die aktuelle Version. Klassen werden überarbeitet; nutze die aktuelle Ausgabe aus dem Author Center, keine alte lokale Kopie.
  • In Minimalumgebungen separat installieren. Vollinstallationen bringen sie mit, aber in einer Minimalumgebung installierst du sie über tlmgr o. Ä. oder legst die .cls neben dein Manuskript.
  • Schreibe das Layout nicht um. Änderungen an Rändern, Spalten oder Schriften verstoßen meist gegen Einreichungsregeln; passe nur innerhalb der Optionen an, die die Klasse bietet.
  • Nutze den passenden Literaturstil. Wähle den zur Klasse gehörenden .bst- oder biblatex-Stil, etwa IEEEtran.bst, ACM-Reference-Format, splncs04, elsarticle-num, apsrev4-2 usw.
  • Einreichungs- und Endfassungsoptionen können sich unterscheiden. Wechsle je nach Phase, etwa acmarts manuscript/review oder elsarticles preprint/final.

Kontrollen kurz vor der Einreichung

Bei Zielortklassen entstehen Fehler meist weniger durch LaTeX-Syntax selbst als dadurch, dass man sich von der Vorlage entfernt. Nach dem Schreiben des Manuskripts solltest du nicht zuerst die Optik feinjustieren, sondern die Datei prüfen, als würdest du Abweichungen vom Author Kit entfernen. geometry hinzuzufügen, weil Ränder seltsam wirken, oder \vspace einzusetzen, um Zeilenzahlen anzupassen, verletzt oft Regeln oder zerstört das Review-PDF.

  • Prüfe die erste Zeile. Stelle sicher, dass Optionen wie journal, conference, sigconf, manuscript, preprint oder reprint zur Einreichungsphase passen.
  • Setze den Titelblock auf die Vorlage zurück. Befehle wie \author, \affiliation, \institute und frontmatter unterscheiden sich je nach Klasse; verstecke sie nicht hinter zu viel eigenem Makrocode.
  • Prüfe die Literaturverarbeitung als Set. Folge der Vorlage nicht nur bei der .cls, sondern auch bei .bst und natbib-Einstellungen. Ein eigenmächtiger Wechsel zu biblatex ist meist riskant.
  • Lies das Log auf Seiten- und Schriftprobleme. Beseitige vor der Abgabe Warnungen zu letterpaper / a4paper, erforderlichen Schriften, undefinierten Zitaten und overfull boxes.

Die Vorlage vor dem Schreiben einfrieren

Bei Zielortklassen frierst du vor dem Schreiben das gesamte Vorlagenpaket ein. Vermeide Mischungen wie eine .cls von CTAN, eine alte .bst aus einem Verlagskit und ein Grundgerüst von Overleaf. Bei Zielorten wie ACM, deren Produktionssystem die Struktur der offiziellen Vorlage voraussetzt, wird die akzeptierte Quelle bei der Konvertierung umso eher brechen, je stärker du Ränder, Schriften oder Titelmetadaten anpasst. Wenn kurz vor der Frist eine Vorlagenaktualisierung erscheint, prüfe zuerst, ob der Zielort sie verlangt; tausche sie nicht nur aus, weil sie neuer ist.

  • Halte die Quelle fest. Notiere in einer README oder einem Kommentar am Dateianfang die Author-Kit-URL, das Downloaddatum und die Klassenversion.
  • Lasse Vorlagenmakronamen sichtbar. Wenn du \author oder \affiliation hinter zu viel eigenem Code versteckst, können Verlagsprüfungen und XML-Konvertierung Metadaten möglicherweise nicht extrahieren.
  • Trenne Review- und Endfassungsmodi. Optionen wie review, anonymous, manuscript und preprint sind phasenspezifisch. Schalte sie passend zur vom Zielort verlangten Einreichungsphase um.