Lernressourcen

Bevor ein LaTeX-Lehrbuch gekauft wird: erst einmal zählen, welche Bücher schon da sind. TeX Live 2024 liefert lshort, die klassische Einführung, in 24 Sprachausgaben mit – Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch, Koreanisch und Japanisch darunter –, und jede davon öffnet ein einziges texdoc lshort. Im selben Regal stehen die 317 Seiten von TeX by Topic, der 1.308 Seiten starke kommentierte Quelltext des LaTeX-Kerns und eine 481-seitige Liste mit 20.323 dokumentierten Zeichen. Diese Seite ist eine Karte dieses Stapels: was zu lesen ist und in welcher Reihenfolge. Wo man fragt, steht unter „Community“.

Die LaTeX-Bücher, die schon auf der Platte liegen

All das ist offline verfügbar und lässt sich sofort öffnen. Ein texdoc, gefolgt vom Wort in der ersten Spalte, holt das passende PDF in den Betrachter (texdoc lshort, texdoc symbols). Aufgeführt ist nur, was sich auf einer vollständigen TeX-Live-2024-Installation nachweislich öffnen ließ; die Seitenzahlen stammen aus eben diesen PDFs. Die beiden obersten Einträge durchzulesen geht oft schneller, als fünf im Netz gefundene Artikel zu lesen.

texdoc-StichwortWas es istUmfang
lshortThe Not So Short Introduction to LaTeX2ε – die klassische Einführung153 S. auf Englisch; 24 Sprachen
first-latex-docJim Hefferon, „Getting something out of LaTeX“ – für die erste Stunde9 S.
l2tabudie Liste veralteter Befehle und Pakete, die zu meiden sind22 S. auf Englisch; auch de, fr, it, es
usrguide„LaTeX for authors“ vom LaTeX-Team selbst22 S.
amsmathdas amsmath-Benutzerhandbuch (amsldoc) – Pflichtlektüre für Formelsatz44 S.
symbolsThe Comprehensive LaTeX Symbol List – zum Nachschlagen jedes Zeichens481 S.; 20.323 Zeichen
latex2edas inoffizielle LaTeX2e-Referenzhandbuch – zum Nachschlagen von Befehlen293 S.; auch auf Französisch und Spanisch
clsguideder offizielle Leitfaden für das Schreiben von Klassen und Paketen30 S.
fntguidedie offizielle Darstellung der Schriftauswahl (NFSS)38 S.
texbytopicVictor Eijkhout, TeX by Topic – eine Anatomie der TeX-Maschine317 S.
impatientdie freie Ausgabe von TeX for the Impatient – plain-TeX-Befehle vollständig393 S.; auch chinesisch und französisch
source2eThe LaTeX 2ε Sources – der gesamte Kern, kommentiert1.308 S.
novicesNicola L C Talbot, „LaTeX for Complete Novices“ – für echte Anfänger279 S.
minexampleein Heft, das ausschließlich vom Bau eines minimal working example handelt21 S.
visualfaqThe Visual LaTeX FAQ – auf ein gesetztes Beispiel klicken, beim passenden FAQ-Eintrag landen34 S.; auch auf Französisch

Anfangen mit lshort: „LaTeX2ε in 139 Minuten“

Wer genau eine Einführung ganz liest, sollte lshort wählen. Der volle Titel lautet The Not So Short Introduction to LaTeX2ε, im Untertitel „Or LaTeX2ε in 139 minutes“. Die englische Ausgabe in TeX Live 2024 ist Version 6.4 vom 9. März 2021 von Tobias Oetiker und weiteren und umfasst 153 Seiten – 139 Minuten zu versprechen und 153 Seiten zu liefern, sagt einiges über das Buch. Interessant ist die Herkunft. Die englische Danksagung hält ausdrücklich fest, dass ein Großteil des Materials aus einer österreichischen, auf Deutsch verfassten Einführung in LaTeX 2.09 von Hubert Partl, Irene Hyna und Elisabeth Schlegl stammt. „Not So Short“ war also nie ein englisches Buch, sondern ist der Nachfahre eines deutschen. Diese deutsche Linie liegt TeX Live weiterhin bei, als l2kurz.pdfLaTeX2ε-Kurzbeschreibung, Version 3.0c vom 8. April 2018.

Vierundzwanzig Sprachausgaben liegen bei. Japanisch (jlshort.pdf), vereinfachtes Chinesisch, Koreanisch, Deutsch, Französisch und Spanisch sind darunter, dazu alles von Bulgarisch bis Vietnamesisch. Ein texdoc -l lshort zeigt sie samt Sprachcode, und bei passender Lokale steht die eigene Ausgabe weit oben. Allerdings sind die Übersetzungen unterschiedlich frisch. Der englischen Ausgabe von 2021 stehen ein chinesisches PDF von 2023, ein koreanisches von 2021, ein französisches von 2011, ein spanisches von 2014 und ein japanisches von 2015 gegenüber. Sicher ist ein zweistufiges Vorgehen: das Gesamtbild aus der Ausgabe in der eigenen Sprache gewinnen und bei zweifelhaften Einzelheiten den entsprechenden Abschnitt der englischen nachschlagen.

terminal
texdoc lshort        # open your local copy (your locale picks the edition)
texdoc -l lshort     # list all 24 language editions, then choose
texdoc -M -l lshort  # same list, machine-readable: name, score, path, language

Was nach lshort zu lesen ist, der Reihe nach

Das Ordnungsprinzip lautet: schreiben, verlernen, nachschlagen, hineinsehen. Erst dahin kommen, ein Dokument zu schreiben; dann die Gewohnheiten ablegen, die nicht mehr gelten; danach die Nachschlagewerke wie Wörterbücher benutzen; und erst zuletzt, falls nötig, die Implementierung lesen. Wer diese Reihenfolge einhält, weiß beim Steckenbleiben wenigstens, auf welcher Ebene er steckt. Wer dagegen mit source2e beginnt, findet dort keine Antwort, sondern eine Implementierung. Die folgende Liste ist nicht nach Beliebtheit geordnet, sondern danach, wann sich das Lesen auszahlt.

  • 1. texdoc lshort – einmal das Gesamtbild aufnehmen. Wer das überspringt, weiß später nicht, wonach zu suchen ist.
  • 2. texdoc l2tabu – erfahren, welche alten Befehle zu meiden sind, am besten bevor alte Artikel im Netz gelesen werden.
  • 3. texdoc usrguide – der Autorenleitfaden des LaTeX-Teams: die offizielle Darstellung dessen, was der aktuelle Kern bietet.
  • 4. texdoc amsmath und texdoc symbols – die zwei Pflichtbücher für Mathematik: wie man sie schreibt und wo das Zeichen steht.
  • 5. texdoc latex2e – die inoffizielle Referenz zum Nachschlagen einzelner Befehle; am stärksten bei „welche Optionen hatte der noch?“
  • 6. texdoc <Paket> für jedes Paket – das eigene Handbuch genau dann lesen, wenn das Paket gebraucht wird. Kürzer geht es nicht.
  • 7. texdoc clsguide und texdoc fntguide – sobald eine eigene Klasse entsteht oder Schriften ausgetauscht werden.
  • 8. texdoc texbytopic und texdoc source2e – das Innere der TeX-Maschine und des LaTeX-Kerns. Nur selten nötig.

Alte Artikel führen in die Irre – wovor l2tabu bewahrt

Am meisten Zeit kostet beim LaTeX-Lernen das Übernehmen zwanzig Jahre alter Praxis in eine aktuelle Installation. Genau diese Praktiken sammelt l2tabu, mit vollem Titel An essential guide to LaTeX2ε usage — Obsolete commands and packages. Das Original ist die deutsche Fassung von Mark Trettin; TeX Live führt die englische Übersetzung von Jürgen Fenn (Version 1.8.5.7 vom 17. Juni 2007, 22 Seiten) sowie französische, italienische und spanische Ausgaben. Altmodische Schriftbefehle ohne Argument wie \bf und \it, \centerline, überholte Pakete, die sich mit heutigen Kernfunktionen überschneiden – all das taucht in gefundenen Artikeln nach wie vor selbstverständlich auf. Das Lesen dauert deutlich weniger als eine Stunde, und die Zahl der so vermiedenen Unfälle ist beträchtlich. Ein Vorbehalt: l2tabu stammt selbst aus dem Jahr 2007; was seither veraltet ist, steht nicht darin. Die neueren Änderungen verfolgt man über die Mitteilungsblätter des LaTeX-Teams mit texdoc ltnews.

Die gedruckten Standardwerke: Lamport, der LaTeX Companion und das japanische

Auf Papier gilt das Gespann „Lamport zum Lernen, Companion zum Nachschlagen“. LaTeX: A Document Preparation System (Leslie Lamport, 2. Auflage, 1994) ist das offizielle Benutzerhandbuch des LaTeX-Erfinders: knapp und in Bezug auf das Grundmodell korrekt. The LaTeX Companion (Frank Mittelbach und Ulrike Fischer, mit Beiträgen von Javier Bezos, Johannes Braams und Joseph Wright; 3. Auflage 2023, Addison-Wesley, zwei Bände) ist das enzyklopädische Werk zu Paketen und Satzdetails. Die dritte Auflage hat auch in TeX Live einen Fuß: sämtliche Beispiele des Buchs liegen als tlc3-examples bei – Quellen und PDFs zu Teil I und II, zusammen über 1.500 Dateien –, und texdoc tlc3 öffnet die Errata-Liste. Man kann die Beispiele also durchsehen, bevor man sich zum Kauf entscheidet.

Im japanischen Sprachraum ist ein Buch der De-facto-Standard: LaTeX美文書作成入門 von Haruhiko Okumura und Yusuke Kuroki (Gijutsu-Hyohron). Aktuell ist die 9., überarbeitete Auflage (Dezember 2023, rund 432 Seiten); sie reicht in einem Band von den Grundlagen bis zu Fragen wie „ich möchte das Layout selbst ändern“, und die 9. Auflage vertieft moderne Maschinen wie LuaLaTeX sowie die Installation von TeX Live. Okumura steht zugleich hinter einem Großteil des japanischen LaTeX, jsclasses eingeschlossen, weshalb das Buch nah an realen Installationen bleibt. Wo japanischer Satz zur Aufgabe gehört, ist dies der schnellste Einzelband auf dem Schreibtisch.

Lernquellen im Netz – und wie man sie liest

Für die tägliche Recherche ist das Netz schneller, doch die Jahreszahl jedes Fundstücks gehört geprüft. Als Einführung liest sich Overleaf Learn (overleaf.com/learn) gut; „Learn LaTeX in 30 minutes“ ist ein solider Einstieg, auch ohne Konto lesbar. Für Breite steht das LaTeX Wikibook (en.wikibooks.org/wiki/LaTeX). Für eine konkrete Frage hat TeX Stack Exchange (tex.stackexchange.com) sie mit ziemlicher Sicherheit schon. Wer die üblichen Fallen nach Typ sortiert sehen will, ist bei der TeX FAQ (texfaq.org) richtig; und texdoc visualfaq auf der eigenen Platte ist ein visueller Index in dieselbe FAQ – 34 Seiten nach dem Gedanken, ein gesetztes Beispiel anzuklicken und beim passenden Eintrag zu landen. Für Änderungen an LaTeX selbst ist das LaTeX Project (latex-project.org) die Primärquelle; lokal verfolgt texdoc ltnews dieselben Mitteilungen. Für Pakete ist CTAN (ctan.org) die Primärquelle. Im Japanischen sind TeX Wiki (texwiki.texjp.org) und Okumuras TeX-Forum (okumuralab.org/tex/) die beiden Anlaufstellen.

Effizient lernen: fünf Regeln gegen Umwege

  • Eine kurze Einführung einmal vollständig lesen. lshort oder Overleaf Learn. Wer ohne Gesamtbild Bruchstücke sammelt, kann am Ende nicht sagen, was er nicht weiß.
  • Pakete bei Bedarf lernen, über texdoc <Name>. Das eigene Handbuch eines Pakets ist immer der kürzeste Weg dorthin.
  • Beim Schreiben lernen. Ein Dokument fertigzustellen bringt mehr als das Überfliegen dreier Einführungen. Geht etwas schief, die eigene .log lesen – die wörtliche Fehlermeldung ist das kürzeste Lehrmaterial überhaupt.
  • Auf die Jahreszahl achten. Vorgehensweisen aus älteren Beiträgen können überholt sein. Erst texdoc l2tabu, danach mit texdoc ltnews auf dem Laufenden bleiben.
  • Bei Problemen suchen; hilft das nicht, mit einem minimal working example fragen. Dieselbe Frage steht meist schon auf TeX Stack Exchange (siehe „Community“).