Zwei Leute schreiben denselben Text, und der in LaTeX gesetzte sieht aus wie ein richtiges Buch. Das meiste davon hängt an einer einzigen Zahl: einer \textwidth von 345pt. Die Standardklasse article beendet den Satzspiegel dort, gleich ob das Papier A4 oder US Letter ist, und macht alles Übrige zum Rand. Gemessen ergibt das rund 75 Zeichen pro Zeile – etwas mehr als die 66, die in der Typografie als ideal gelten, aber mit gutem Grund. Diese Seite misst die Zahlen nach, die das Aussehen eines LaTeX-Dokuments bestimmen: warum das eigene Dokument nach Laienarbeit aussieht und was daran zu ändern ist.
Wie viele Zeichen pro Zeile? Was article tatsächlich liefert
Schickt man \lipsum[1-12] unter TeX Live 2024 durch \documentclass[a4paper]{article}, zieht den Text aus dem entstandenen PDF und zählt, ergibt das im Mittel 75,1 Zeichen pro Zeile (99 Zeilen, längste 85). Robert Bringhursts The Elements of Typographic Style (1992) hält die verbreitete Regel fest: 45 bis 75 Zeichen sind eine befriedigende Zeilenlänge für einspaltigen Satz, 66 gelten als ideal. Die Voreinstellung von article steht damit haarscharf an der oberen Kante des akzeptierten Bereichs. Unleserlich ist das nicht – aber genau hier liegt die erste Verbesserung.
| Satzbreite | Gemessene Zeichen pro Zeile | Urteil |
|---|---|---|
250pt | 54,5 | schmal; Breite einer Fußnote, Marginalie oder einer von zwei Spalten |
280pt | 61,3 | angenehm; etwas unter den idealen 66 |
305pt | etwa 66 | das klassische Ideal; gut für längere Lektüre |
320pt | 69,9 | noch im Rahmen; eine übliche Breite für Aufsätze |
345pt | 74,5 | die Voreinstellung von article; obere Kante des Bereichs |
400pt | 85,8 | das Auge findet den Anfang der nächsten Zeile schlechter |
450pt | 93,7 | der typische Fehlgriff, wenn die Ränder mit geometry gestaucht wurden |
Bringhurst überliefert außerdem eine Messung ganz ohne Werkzeug. Man setze das Kleinbuchstabenalphabet a bis z in der Textschrift; die Breite dieser Folge ist die Alphabetlänge, und eine Zeile sollte zwei bis drei Alphabete lang sein. Mit \settowidth gemessen ergibt Computer Modern in 10pt für a–z 127,58pt. Eine Satzbreite von 345pt sind 2,70 Alphabete; auch dieser Test bestätigt also die Zeichenzählung: nahe an der Grenze, aber innerhalb. Angenehm ist, dass sich die Überlegung übertragen lässt. Die japanische Faustregel, dass eine Zeile aus Vollbreitzeichen bei etwa 35 bis 45 Zeichen am besten liest, ist dieselbe Zwei-bis-drei-Alphabete-Idee in einer anderen Schrift.
% narrow the measure toward the classic 66 characters per line
\usepackage[a4paper,textwidth=305pt]{geometry}
% or keep A4 and state the margins instead
\usepackage[a4paper,margin=45mm]{geometry}Auffällig ist, dass ein größerer Schriftgrad die Zeichenzahl kaum verändert. Wiederholt man dieselbe Messung mit 11pt und 12pt, wächst \textwidth auf 360pt und 390pt, während die Zeile auf 70,1 bzw. 70,0 Zeichen kommt. Die Standardklassen verbreitern die Satzbreite also im Gleichschritt mit dem Grad und halten die Zeilenlänge in Zeichen nahezu konstant – bei einem Wert, der dem Ideal von 66 näher kommt als 10pt. Wenn die Lesbarkeit stört, ist [11pt] auszuprobieren der billigste Griff, und er kommt vor geometry.
Warum die Ränder von article so breit wirken
Die Antwort lautet nicht, dass die Ränder großzügig angelegt wurden, sondern dass zuerst die Satzbreite festgelegt wird und alles Übrige zum Rand wird. size10.clo, das die Maße der Standardklassen setzt, vergleicht die Papierbreite abzüglich je eines Zolls links und rechts mit 345pt und nimmt den kleineren Wert als \textwidth. Auf A4 (597,51pt) wie auf US Letter (614,30pt) liegt diese Differenz über 345pt, also beträgt die Satzbreite auf beiden Papieren exakt 345pt. Ein größeres Blatt vergrößert nur die Ränder – mehr steckt hinter „A4 hat riesige Ränder" nicht.
% size10.clo (LaTeX 2024): the measure is a hard cap, not a fraction of the page
\setlength\@tempdima{\paperwidth}
\addtolength\@tempdima{-2in}
\setlength\@tempdimb{345\p@}
\ifdim\@tempdima>\@tempdimb\relax
\setlength\textwidth{\@tempdimb} % A4 and US Letter both land here
\else
\setlength\textwidth{\@tempdima}
\fiEine verbreitete Annahme gehört hier richtiggestellt. Man liest, 345pt sei eine auf US Letter gemünzte Wahl, die zu A4 nicht passe – doch der Code sieht das Papier gar nicht an. Die Obergrenze selbst ist papierunabhängig, A4 und Letter erhalten dieselbe Satzbreite. Anteilig hat sogar Letter die breiteren Ränder: Sie nehmen 42,3% der Blattbreite auf A4 und 43,8% auf Letter ein. Und wer 345pt für eng hält, vergleicht mit dem Falschen. Knuths plain TeX setzt \hsize=6.5in, also 469,75pt – nach derselben Messung über 90 Zeichen je Zeile. LaTeX hat davon mehr als ein Viertel gestrichen, um bei 345pt zu landen. Die breiten Ränder sind keine Nachlässigkeit, sondern das Nebenprodukt einer Entscheidung, die die Zeilenlänge zur Lesbarkeit hin zurückgeholt hat.
In der Datei überlebt ein aufschlussreiches Fossil. size10.clo enthält einen Zweig für die Kompatibilität mit dem alten LaTeX 2.09, und dort steht die Breite ganz ohne Rechnung: \setlength\textwidth{345\p@}. Die Zahl 345 begann als schlichte Konstante; die Mechanik, die sie als papierabhängige Obergrenze behandelt, wurde erst später darumgelegt. Daraus folgt die praktische Regel: \textwidth nicht von Hand verbreitern, wenn Rand zurückgewonnen werden soll. Verbreitert man sie, wird die Satzbreite unmittelbar zur Zeilenlänge, und man landet in den Zeilen 400pt und 450pt der Tabelle oben. Platz gewinnt man mit geometry, indem man stattdessen die Ränder angibt, die Zeile im Band von 66 bis 75 belässt und den Raum oben und unten abzieht.
Eine Zeile in der Präambel verändert das Bild: microtype
Die eine Zeile \usepackage{microtype} hat den besten Ertrag von allem auf dieser Seite. Gemessen an einem article in 11pt mit T1-Kodierung, 180pt Satzbreite und hundert \lipsum-Absätzen, sinken die überstehenden Boxen von 128 auf 15, während die Seitenzahl nur von 43 auf 42 fällt. Es staucht das Dokument also nicht. Indem es Satzzeichen ein Haar über die Kante hängen lässt (protrusion) und Glyphenbreiten um deutlich unter ein Prozent dehnt (font expansion), glättet es die Schwankung der Wortzwischenräume – und die Stellen, die man von Hand hätte richten müssen, treten schlicht nicht mehr auf. Die Mechanik gehört auf ihre eigene Seite; hier zählt, dass es kaum einen Grund gibt, das Paket wegzulassen.
\documentclass[11pt,a4paper]{article}
\usepackage[T1]{fontenc} % load this before microtype
\usepackage{microtype}
\usepackage[textwidth=320pt]{geometry}Wie viele Schriften darf man verwenden? Zurückhaltung wirkt am stärksten
Die praktische Antwort lautet: höchstens drei – eine für den Text, eine für die Überschriften, die entweder dieselbe ist oder bewusst dazu passt, und eine dicktengleiche für Code. Dokumente, die nach Laienarbeit aussehen, scheitern meist an einem von zwei Punkten – die Zeile ist zu lang, oder es sind zu viele Schriften im Spiel – und das Zweite fällt leichter auf: Text in der einen, Überschriften in der zweiten, Hervorhebungen in der dritten, Bildunterschriften in der vierten Schrift. LaTeXs Voreinstellung Computer Modern hat Knuth selbst entworfen, mit dünnen Strichen und hohem Kontrast. Das wirkt fein, doch die dünnen Striche können bei grobem Druck oder auf kleinen Bildschirmen blutleer erscheinen. Als Ersatz sind lmodern (ein bereinigter Nachfolger der Computer-Modern-Umrisse), libertinus und newtx verlässliche Kandidaten; jedes liefert Text, Überschriften und Mathematik als Satz. Die Mathematikschrift zusammen mit der Textschrift wechseln – die Formeln in Computer Modern zurückzulassen, während die Prosa weiterzieht, ist der häufigste Unfall.
Einzug oder Leerzeile? Beides zugleich verrät den Laien
Es gibt zwei Arten, den Absatzwechsel zu markieren, und die Konvention lautet: eine davon wählen. Die Standardklassen setzen auf Einzug ohne Abstand; gemessen beträgt \parindent bei 10pt 15pt, bei 11pt 17pt und bei 12pt 17,62pt, während \parskip 0pt plus 1pt ist – gar kein Abstand, nur ein Hauch Dehnung für den Seitenumbruch. Wer die Absätze für gedrängt hält und dann allein \setlength{\parskip}{1em} ergänzt, hat nun Einzug und Abstand zugleich: Der Wechsel meldet sich doppelt an und stolpert dem Auge in den Weg. Soll der Abstand trennen, gehört \setlength{\parindent}{0pt} immer dazu – oder man lädt das Paket parskip, das beide Enden besorgt.
% pick ONE of these two, never both by accident
% (a) indent, no vertical space -- the standard-class default, nothing to write
% (b) vertical space, no indent:
\usepackage{parskip}Noch eine Größe: der Durchschuss. Die Standardklassen setzen \baselineskip bei 10pt auf 12pt, bei 11pt auf 13,6pt und bei 12pt auf 14,5pt – etwa das 1,2-fache des Schriftgrads. Verbreitert man die Satzbreite und lässt den Durchschuss unverändert, findet das Auge den Anfang der nächsten Zeile nicht mehr. Beides gehört zusammen: Wer die Zeile verlängert, muss den Durchschuss öffnen, und wer ihn verengt, muss auch die Zeile verkürzen. (Verlangt eine Einreichungsvorschrift etwa anderthalbzeiligen Satz, steht die Mechanik auf der Seite zum Zeilenabstand.) Ob ein Absatz nach Laienarbeit oder nach Handwerk aussieht, entscheidet fast immer das Zusammenspiel dieser drei: Zeilenlänge, Durchschuss und die Art, wie der Absatzwechsel markiert wird.
Was man nicht anfassen sollte: nicht mit \vspace und \\ reparieren
Alle bisherigen Eingriffe fanden einmal, in der Präambel statt. Die Gegenregel lautet: den Textkörper nicht flicken – kein \vspace{1cm}, um eine Abbildung zu verschieben, kein \\, um eine Überschrift hübscher umbrechen zu lassen. Der Grund ist mechanisch, nicht ästhetisch: LaTeX sucht Zeilen- und Seitenumbrüche, indem es das ganze Dokument betrachtet und die beste Faltung bestimmt; wer eine Stelle von Hand festnagelt, verschiebt alles Folgende. Genau hier beginnt jene Mühle kurz vor Abgabe, in der jede Korrektur etwas anderes zerstört. Struktur in den Text, Aussehen in die Präambel – wer diese Arbeitsteilung hält, korrigiert immer nur an einer Stelle.
Der Reihe nach: zuerst die Zeile ins Band von 66 bis 75 bringen (über [11pt] oder textwidth in geometry); dann die eine Zeile microtype ergänzen; beim Schriftwechsel Text und Mathematik gemeinsam wechseln; und sich für Einzug oder Abstand entscheiden, nicht für beides. Diese vier Schritte machen aus den meisten Dokumenten statt eines bloß in LaTeX gesetzten eines, das zum Lesen gesetzt wurde. Was an Feinarbeit bleibt, gehört in die Präambel statt in den Text – und ans Ende.